Mein bombenfester Zahn.
Warnung: Es folgt richtig widerlicher Medizin-Content mit verzichtbaren Details und echt schrecklichen Bildern. Das ist nur was für Fans von Zahnoperationen. Und nichts für schwache Nerven.
Am Ende reichte eine schnöde Salzbrezel. Offensichtlich war der Zahn innen morscher und morscher geworden, ohne dass man es außen wahrnahm. Ich hätte einfach zu den Folgeterminen der Zahnbehandlung gehen sollen.
Nun war Samstag, ich biss auf eine Salzbrezel und realisierte recht schnell, dass mir nun ein Schneidezahn fehlte. Oben rechts. Das sah richtig scheiße aus. Und natürlich konnte mir am Wochenende auch niemand helfen. Also ging ich erstmal mit meinem neuen Penner-Gesicht einkaufen.
Der Montag wurde nicht viel besser. Brücke? Dauert 14 Tage, kostet 500 Euro, bedeutet das Abschleifen zweier gesunder Zähne, sieht scheiße aus. Implantat? Dauert alles in allem 6 Monate, kostet 3.000 Euro, sieht einem echten Zahn zum Verwechseln ähnlich.
Hey, es war ein Schneidezahn. Hier steht die Ästhetik eindeutig über wirtschaftlichen Erwägungen. Ich sage nicht, dass mir das leicht fiel.
Implantat also. Zunächst wurde der Wurzelrest entfernt. Inklusive einer üblen Zyste. Nun musste das Ganze erstmal heilen. Dort wo einst der Zahn im Knochen steckte, wurden jetzt feine Medikationen platziert, damit der Knochen schön wieder zuwächst und alles fein heilt.
Zwei Monate später wurde der Gaumen wieder aufgeschnitten. Nun hieß es, einen Titan-Stift im Knochen zu versenken. Dazu wurde zunächst ein Schacht in den Kiefer gebohrt. Dann kamen Hammer und Meissel zum Einsatz. Damit wurde der Durchmesser des Schachtes erweitert und gleichzeitig die Knochenmasse am Rand verdichtet.
In die fraß sich nun eine 13 Millimeter lange Titan-Schraube mit ihrem Gewinde. Und damit der feine Herr Doktor genau sah, was er da machte, wurde das gesamte Zahnfleisch vorne vom Knochen gelöst und hochgeklappt.


13 Millimeter Titan wollen im Kiefer versenkt werden
Das alles geschah unter einer sehr merkwürdigen Narkose, die ich später MonCheri-Narkose nannte. Ich war davon ein bisschen beduselt, bekam während der OP alles genau mit, konnte mich später aber nur noch sehr verschwommen daran erinnern.
Ich weiß noch, dass ich sogar in der Lage war, dumme Witze zu machen. Alle Schritte der Operation wurden fotografisch dokumentiert. Für Studienzwecke und den Fall, dass man sich da mal gerichtlich auseinandersetzen muss, weil mein halbes Gesicht gelähmt ist. Das war der zuvor benannte Risikofaktor.
Jedenfalls erinnere ich noch, wie meine Lippen mal wieder mit allerlei Instrumenten nach oben und unten weggezogen wurden und die Schwester zur Kamera griff. Mit den sehr eingeschränkten sprachlichen Möglichkeiten nuschelte ich ihr ein "Soll ich lächeln?" entgegen. Da lächelten alle. Außer mir.
Zur Gesichtslähmung kam es nicht. Dafür aber zu einem unansehnlichen blauen Auge. Durch das Bolzen, also das Hämmern in den Kieferknochen, war nicht nur mein gesamtes Gesicht geschwollen. Ich hatte in der Folge auch ein sattes Veilchen. 14 Tage lang. Anfangs beschloss ich noch, so nicht ins Büro zu gehen. Da das Veilchen selbst aber auch nicht ging, blieb mir irgendwann nichts anderes übrig. Die Sonnenbrille, die ich dann trug, machte es wahrscheinlich auch nicht besser.

Ich nannte es meine lila Periode
Nun hieß es wieder zwei Monate warten, denn Titan-Stift und Knochen sollten schön miteinander verwachsen, um später auch ein hübsches Zähnchen halten zu können.
Während dieser nunmehr 5 Monate trug ich ein seltsames Gestell. Wie eine Zahnspange. Nur statt der Spange hing ein Zahn dran und füllte die unansehnliche Lücke. Das nervte gewaltig, setzte Sprechübungen voraus und führte dazu, dass ich nun lustige Scherze machen konnte. Zum Beispiel meinen Schneidezahn mitten im Gespräch plötzlich rausfallen lassen oder ihn von innen durch die geschlossenen Lippen nach außen schieben. Meine Gegenüber fanden das nie so witzig wie ich, was ich nie verstand.

Damit konnte man schön Schabernack treiben
Nach zwei Monaten kam dann jedenfalls der Tag, an dem von der neuen Gebisskonstellation Abdrücke gemacht wurden. Nun saß in irgendeiner Werkstatt jemand und bastelte mir einen neuen Zahn. Ziemlich untalentiert jedoch, wie sich bald herausstellte. Die Krone entsprach nicht meinen ästhetischen Ansprüchen an einen Schneidezahn. Er hatte nicht die Farbe der anderen Zähne und war obendrein zu lang.
Auch der zweite Versuch gelang nicht. Ich ließ den Zahn erneut zurückgehen. Dank der exzellenten Beziehungen zu meinem Zahnarzt und seinen exzellenten Beziehungen zum Dentallabor kam es dann zu jenem Weihnachtstag. Es war der 24. Dezember 2002.
Ich hatte mich mit der Zahntechnikerin im Labor verabredet. Mit Katja. Einer asiatischen Schönheit, was ihr Name nicht zwingend vermuten ließ.
Sie hatte den Notdienst an diesem Tag und ich ohnehin nichts besseres zu tun. Also saßen wir im Labor und bastelten meinen neuen Zahn. Es war für uns beide aufregend. Ich war noch nie in einem Zahnlabor und sie hatte noch nie einen Menschen gesehen, der ihre Zähne und Gebisse tragen musste.
So unterwies sie mich in der Kunst des Zahnbaus. Und ich machte lustige Witze, die sie auch komisch fand. Wir hatten Spaß. Immer wieder änderte sie die Farbe eine Nuance, brachte einen Effekt auf, der den übrigen Zähnen entsprach, dann ab in den Ofen, um die Keramik zu brennen, in den Sandstrahler, ins Säurebad, dann setzte sie noch hier ein Stück ran, feilte da etwas ab, setzte mir den Zahn ein, hielt mir den Spiegel hin und wir einigten uns darauf, was man noch hübscher machen könnte.

Eine asiatische Schönheit beim Bau meines Zahns
Ich durfte das Ergebnis unserer wirklich ausgesprochen erfolgreichen Zusammenarbeit auch gleich anbehalten. Sie fixierte den Zahn mit einem Kleber. Einige Tage später wurde dieser Zustand vom Zahnarzt meines Vertrauens im wahrsten Sinne des Wortes zementiert.

Da steht er nun, mein hübscher Zahn. Wenn ich Menschen raten lasse, welcher da vorn der falsche ist, tippen die Leute immer auf den Kandidaten neben dem Implantat und ich lächle zufrieden. Dank Keramik, Zement und Titan-Stift lebe ich nun in einer Gewissheit: Was immer mir passiert – Schlägerei, Parodontose oder sonstwas – auf diesen Schneidezahn kann ich mich verlassen. Er bleibt stehen. Da muss schon der gesamte Kiefer aufbrechen, bevor er mich verlässt. Aber vielleicht sollte man das bei dem Preis auch erwarten.
Am Ende reichte eine schnöde Salzbrezel. Offensichtlich war der Zahn innen morscher und morscher geworden, ohne dass man es außen wahrnahm. Ich hätte einfach zu den Folgeterminen der Zahnbehandlung gehen sollen.
Nun war Samstag, ich biss auf eine Salzbrezel und realisierte recht schnell, dass mir nun ein Schneidezahn fehlte. Oben rechts. Das sah richtig scheiße aus. Und natürlich konnte mir am Wochenende auch niemand helfen. Also ging ich erstmal mit meinem neuen Penner-Gesicht einkaufen.
Der Montag wurde nicht viel besser. Brücke? Dauert 14 Tage, kostet 500 Euro, bedeutet das Abschleifen zweier gesunder Zähne, sieht scheiße aus. Implantat? Dauert alles in allem 6 Monate, kostet 3.000 Euro, sieht einem echten Zahn zum Verwechseln ähnlich.
Hey, es war ein Schneidezahn. Hier steht die Ästhetik eindeutig über wirtschaftlichen Erwägungen. Ich sage nicht, dass mir das leicht fiel.
Implantat also. Zunächst wurde der Wurzelrest entfernt. Inklusive einer üblen Zyste. Nun musste das Ganze erstmal heilen. Dort wo einst der Zahn im Knochen steckte, wurden jetzt feine Medikationen platziert, damit der Knochen schön wieder zuwächst und alles fein heilt.
Zwei Monate später wurde der Gaumen wieder aufgeschnitten. Nun hieß es, einen Titan-Stift im Knochen zu versenken. Dazu wurde zunächst ein Schacht in den Kiefer gebohrt. Dann kamen Hammer und Meissel zum Einsatz. Damit wurde der Durchmesser des Schachtes erweitert und gleichzeitig die Knochenmasse am Rand verdichtet.
In die fraß sich nun eine 13 Millimeter lange Titan-Schraube mit ihrem Gewinde. Und damit der feine Herr Doktor genau sah, was er da machte, wurde das gesamte Zahnfleisch vorne vom Knochen gelöst und hochgeklappt.


13 Millimeter Titan wollen im Kiefer versenkt werden
Das alles geschah unter einer sehr merkwürdigen Narkose, die ich später MonCheri-Narkose nannte. Ich war davon ein bisschen beduselt, bekam während der OP alles genau mit, konnte mich später aber nur noch sehr verschwommen daran erinnern.
Ich weiß noch, dass ich sogar in der Lage war, dumme Witze zu machen. Alle Schritte der Operation wurden fotografisch dokumentiert. Für Studienzwecke und den Fall, dass man sich da mal gerichtlich auseinandersetzen muss, weil mein halbes Gesicht gelähmt ist. Das war der zuvor benannte Risikofaktor.
Jedenfalls erinnere ich noch, wie meine Lippen mal wieder mit allerlei Instrumenten nach oben und unten weggezogen wurden und die Schwester zur Kamera griff. Mit den sehr eingeschränkten sprachlichen Möglichkeiten nuschelte ich ihr ein "Soll ich lächeln?" entgegen. Da lächelten alle. Außer mir.
Zur Gesichtslähmung kam es nicht. Dafür aber zu einem unansehnlichen blauen Auge. Durch das Bolzen, also das Hämmern in den Kieferknochen, war nicht nur mein gesamtes Gesicht geschwollen. Ich hatte in der Folge auch ein sattes Veilchen. 14 Tage lang. Anfangs beschloss ich noch, so nicht ins Büro zu gehen. Da das Veilchen selbst aber auch nicht ging, blieb mir irgendwann nichts anderes übrig. Die Sonnenbrille, die ich dann trug, machte es wahrscheinlich auch nicht besser.

Ich nannte es meine lila Periode
Nun hieß es wieder zwei Monate warten, denn Titan-Stift und Knochen sollten schön miteinander verwachsen, um später auch ein hübsches Zähnchen halten zu können.
Während dieser nunmehr 5 Monate trug ich ein seltsames Gestell. Wie eine Zahnspange. Nur statt der Spange hing ein Zahn dran und füllte die unansehnliche Lücke. Das nervte gewaltig, setzte Sprechübungen voraus und führte dazu, dass ich nun lustige Scherze machen konnte. Zum Beispiel meinen Schneidezahn mitten im Gespräch plötzlich rausfallen lassen oder ihn von innen durch die geschlossenen Lippen nach außen schieben. Meine Gegenüber fanden das nie so witzig wie ich, was ich nie verstand.

Damit konnte man schön Schabernack treiben
Nach zwei Monaten kam dann jedenfalls der Tag, an dem von der neuen Gebisskonstellation Abdrücke gemacht wurden. Nun saß in irgendeiner Werkstatt jemand und bastelte mir einen neuen Zahn. Ziemlich untalentiert jedoch, wie sich bald herausstellte. Die Krone entsprach nicht meinen ästhetischen Ansprüchen an einen Schneidezahn. Er hatte nicht die Farbe der anderen Zähne und war obendrein zu lang.
Auch der zweite Versuch gelang nicht. Ich ließ den Zahn erneut zurückgehen. Dank der exzellenten Beziehungen zu meinem Zahnarzt und seinen exzellenten Beziehungen zum Dentallabor kam es dann zu jenem Weihnachtstag. Es war der 24. Dezember 2002.
Ich hatte mich mit der Zahntechnikerin im Labor verabredet. Mit Katja. Einer asiatischen Schönheit, was ihr Name nicht zwingend vermuten ließ.
Sie hatte den Notdienst an diesem Tag und ich ohnehin nichts besseres zu tun. Also saßen wir im Labor und bastelten meinen neuen Zahn. Es war für uns beide aufregend. Ich war noch nie in einem Zahnlabor und sie hatte noch nie einen Menschen gesehen, der ihre Zähne und Gebisse tragen musste.
So unterwies sie mich in der Kunst des Zahnbaus. Und ich machte lustige Witze, die sie auch komisch fand. Wir hatten Spaß. Immer wieder änderte sie die Farbe eine Nuance, brachte einen Effekt auf, der den übrigen Zähnen entsprach, dann ab in den Ofen, um die Keramik zu brennen, in den Sandstrahler, ins Säurebad, dann setzte sie noch hier ein Stück ran, feilte da etwas ab, setzte mir den Zahn ein, hielt mir den Spiegel hin und wir einigten uns darauf, was man noch hübscher machen könnte.

Eine asiatische Schönheit beim Bau meines Zahns
Ich durfte das Ergebnis unserer wirklich ausgesprochen erfolgreichen Zusammenarbeit auch gleich anbehalten. Sie fixierte den Zahn mit einem Kleber. Einige Tage später wurde dieser Zustand vom Zahnarzt meines Vertrauens im wahrsten Sinne des Wortes zementiert.

Da steht er nun, mein hübscher Zahn. Wenn ich Menschen raten lasse, welcher da vorn der falsche ist, tippen die Leute immer auf den Kandidaten neben dem Implantat und ich lächle zufrieden. Dank Keramik, Zement und Titan-Stift lebe ich nun in einer Gewissheit: Was immer mir passiert – Schlägerei, Parodontose oder sonstwas – auf diesen Schneidezahn kann ich mich verlassen. Er bleibt stehen. Da muss schon der gesamte Kiefer aufbrechen, bevor er mich verlässt. Aber vielleicht sollte man das bei dem Preis auch erwarten.
10:30 Uhr von sebas
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Kommentar von kid37,
Mittwoch, 20. Oktober 2004, 11:45
Vielen Dank für diesen informativen Bericht. Da kann man sich bereits beim Frühstück ein wenig bilden. Im Januar spendiere ich mir auch ein Implantat. Das wird allerdings ein Backenzahn, das ist vielleicht nicht so spektakulär.
Schöne Zähne, auch der von Katja.
Schöne Zähne, auch der von Katja.
Antwort von seelchen,
Mittwoch, 20. Oktober 2004, 19:17
Ach herrje,
das ist ja genau das richtige für jemanden wie mich. *schluck* Aber was tut man nicht alles für die Schönheit...
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Kommentar von sonrisa,
Freitag, 26. November 2004, 00:30
3000 Euro? Trägt da die Kasse gar nichts von oder sind das die reinen Kosten für sich?
Antwort von sebas,
Freitag, 26. November 2004, 13:14
Da will ich gern kompetent antworten. Das sind die kompletten Kosten. Und die werden von gesetzlichen Krankenkassen nicht einmal anteilig übernommen. Ist halt Luxus, eine hässliche Brücke hätte es ja auch getan.
Private Kassen zahlen so etwas - je nach Tarif - bis zu 80 Prozent. Aber damals fand ich keinen Finanzier. :(
Private Kassen zahlen so etwas - je nach Tarif - bis zu 80 Prozent. Aber damals fand ich keinen Finanzier. :(
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